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Eine seltene Aortenanomalie

1906 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Das nebenstehend abgebildete Präparat stammt von einer 45 Jahre alten Griechin, die drei Tage nach einer kleinen Nachplastik zum Abschluß der Mundhöhle, 18 Tage nach einer ausgedehnten Resektion des Unterkiefers und Exstirpation der Zunge, an Lungengangrän gestorben war (Chirurgische Station, Prof. Wieting). Während das Herz selbst in seinen Bestandteilen Veränderungen nicht zeigt, steigt die Aorta hinter der Lungenarterie nach rechts empor und wendet sich im Bogen fast direkt nach hinten. Der
more » ... t nach hinten. Der aufsteigende Teil ist weiter als normal. Nahe der Konvexität .spaltet sich der große Stamm in zwei neben-(resp. im Bilde hinter-) einander gelegene Aeste, die zwischen sich einen spitzovalen, 3 cm langen und 1,6 cm breiten Spalt lassen. Der vordere Bogen ist schwächer als der hintere (4 cm gegen 71(2 cm im Umfang). Jenseits des Spaltes vereinigen sich die beiden Bögen wieder zu einem, sodaß der vordere von seiner Abweichung bis zur Wiedervereinigung 5 cm mißt. Der so geschaffene gemeinsame Stamm stellt die Aorta descendens dar, die 8 cm im Umfange mißt. Vom vorderen Bogen entspringt zunächst in leichter Schweifung halswärts ziehend, die Carotis sin. (5 mm im Durchmesser) und gleich links von ihr die Subclavia sin. (8 min im Durchmesser). Der hintere Bogen, der offenbar der Hauptbogen ist und auch etwas höher konvex emporsteigt, läßt ebenfalls zunächst die Carotis dext. (5 mm) und dann nach links von ihr und hinter ihr herumgehend die Subclavia dext. (9 mm) abgehen. Durch den Spalt zwischen den beiden Bögen tritt die Trachea und hinter ihr der Oesophagus durch. Die Trachea ist an der Durchtrittsstelle ziemlich stark von vorn nach hinten abgeplattet, sodaß ihr Lumen dort ein quergesteiltes Oval bildet. Am Oesophagus ist nur eine leichte Andeutung von dieser Verengerung vorhanden; intra vitam gelang es ohne Schwierigkeit , die Schlundsonde , mit der die Patientin in den ersten Tagen nach der Operation genährt wurde , einzuführen. Entsprechend der Stelle, wo der vordere Bogen sich wieder mit dem hinteren vereinigt, und zwar an der konkaven Seite, findet sich eine kleine Prominenz, der eine kleine narbige Grube entspricht; sie ist der Rest des Ductus Botalli. Von dem sonstigen Sektionsbefunde ist zu erwähnen, daß die rechte Lunge nur zwei Lappen hatte, wie die linke. Die beschriebene gehört zu den Seltenheiten unter den bekannten Anomalien der Aortenentwicklung ; und ich halte deshalb die Mitteilung dieses Falles nicht für überflüssig, trotzdem mir leider die größeren anatomischen deutschen Handbücher neueren Datums hier nicht zugänglich sind. Hyrti erwähnt kurz einen Fall von Malacarne, in dem die Carotis ext. und jut. beiderseits symmetrisch aus don beiden Schenkeln eines gespaltenen Aortenbogens entspringen, welche sich erst an der Wirbelsäule zur einfachen Aorta vereinigen", und bezeichnet dies als "ringförmigen Artentypus der Amphibien". O. Hertwig erklärt in seinem Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte jenen Typus als eine der wichtigsten Anomalien, wo die Aorta sich beim Erwachsenen in einen linken und einen rechten Gefäßbogen teilt, welche das Blut in die unpaare Aorta fortleiten; aus jedem derselben entspringt, wie beim Embryo, für sich eine Carotis communis und eine Subclavia". Poirier (Traité d'anatomie humaine) konnte bis 1896 nur acht Fälle unserer Anomalie finden, von denen zwei, die von Homme 1 und von Malacarne, als die best gekannten bezeichnet werden. Die Fälle sind nach Krause zitiert. Poiriers Beschreibung und Erklärung ist folgende: »1. Les quatrièmes segments intermédiaires antérieurs ou racines ascendantes de l'aorte, les quatrièmes aves aortiques, les quatrièmes segments intermédiaires posterieurs et les racines ascendantes de l'aorte persistent. Dans ce cas il existe une aorte ascendante qui se divise en deux branches, l'une gauche l'autre droite, se constituante ensuite pour donner naissance k l'aorte thoracique. La branche droite donne naissance d'abord k la carotide droite, ensuite à la souselaviculaise droite, de la branche gauche naissent les mêmes artères du côté gauche. Ce deux branches forment un anneau artériel dans le quel passent tantßt la trachée et l'ésophage, tantôt la trachée seulement." Diese Beschreibung Poiriers entspricht im wesentlichen unserm Falle. Die Genese der Anomalie ist leicht verständlich. Nehmen wir zur Veranschaulichung das gewöhnlich skizzierte Schema Rathkes der Umwandlung der Kiemenbogenarterien, wie es z. B. in Toldts Atlas abgebildet ist (S. 563): Anstatt in frontaler Ebene, müssen wir uns natürlich die beiden Bogenreihen mehr in sagittaler Ebene genähert denken, dann haben wir folgendes: Anstatt wie gewöhnlich der linke, ist bei uns der rechte vierte Kiemenbogen der Hauptbogen geworden, er ist der stärkere und muß natürlich bei sonst normalem Herzsitus hinter dem linken Bogen liegen. Beide Bogen haben sich erst zur gemeinsamen Aorta desc. vereinigt jenseits des Abganges des Ductus Botalli (dem rudimentären fünften Kiemenbogen) und jenseits des Abganges der linken Subclavia. Die Distanz zwischen Carotis und Subclavia sin, ist sehr verringert; letztere entspringt scheinbar aus dem vierten linken Kiemenbogen infolge der tiefen Vereinigung der beiden vierten Bögen. Am hinteren, also rechten Bogen, dem Hauptbogen in unserm Fall, tritt zuerst die Carotis communis aus und gleich dahinter, also in diesem Fall links von ihr die Subclavia; durch diese eigentümliche Lage, die sich freilich entwicklungsgeschichtlich leicht erklärt, muß die Subclavia dext. hinter der Carotis dext. nach rechts hinüber sich wenden: der hintere Bogen ist der rechte vierte Schlundbogen, von 1410 DKflTSCIIIE MiEflIZIN1S0111 WOCHENSORRIFT. No. 35 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1188639 fatcat:7fajblin6bbvznnrwd7ucmpsnq